| Berliner Zeitung 21.11.02
Schussfahrt der Stammzellen
Skifahren und Embryonalentwicklung haben mehr gemeinsam, als man denkt. Diesen Eindruck vermittelt ein 60 Jahre altes Modell des Entwicklungsbiologen Conrad H. Waddington. An dessen Bedeutung für die aktuelle Forschung wurde am Wochenende im Rahmen einer gemeinsamen Tagung von Stammzell-, Klonforschern und einer neuen Molekularbiologen-Gattung, den Epigenetikern, im Berliner Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft erinnert. Ebenso wie Wintersportler sich auf verschiedene Pisten verteilen, um ins Tal zu fahren, entscheiden sich auch die frühen Embryonalzellen für bestimmte Entwicklungswege. An der Bergstation stehen noch alle Wege offen. Aber mit jedem zurückgelegten Höhenmeter nehmen die Möglichkeiten ab. Nach der Ankunft im Tal, wo kein Schnee mehr liegt, ist die Differenzierungsfahrt in Haut-, Leber- oder Hirnzelle zu Ende. "In der Stammzellforschung versucht man, aus einem Zelltyp einen anderen herzustellen, indem man die Zelle gewissermaßen umprogrammiert", sagte Wolf Reik. Der Entwicklungsbiologe am Babraham Institut im britischen Cambridge benutzte das Waddington-Modell auf der Tagung, um zu verdeutlichen, dass es große Barrieren gibt, die eine solche Umprogrammierung verhindern. "Es ist schwer, von dem einen Waddingtonschen Tal ins nächste zu kommen", sagte Reik. "Die Berge zwischen den Tälern stellen die Hürden dar, die man nehmen muss, um eine Leberzelle in eine Hirnzelle zu verwandeln." Die Besonderheit einer Zelle wird durch die Gene festgelegt. In jeder Zelle sind jedoch die gleichen Gene enthalten - insgesamt sind es schätzungsweise dreißigtausend. Da sich an den Genen selbst nichts ändert, muss die Unterschiedlichkeit der Zellen epi-genetischer Natur sein (griechisch epi neben). Das heißt, neben dem genetischen Code gibt es Markierungen, die dafür sorgen, dass in einem Gewebe auch die richtigen, gewebetypischen Gene aktiv sind. "Zellen sammeln auf dem Weg in Waddingtons Täler immer mehr epigenetische Markierungen", sagte Reik. Deshalb bezeichnete Waddington sein Modell als epigenetische Landschaft. Eine der wichtigsten epigenetischen Prägungen beim Menschen ist die chemische Veränderung der Base Cytosin. Dabei handelt es sich um einen der vier Grundbausteine des DNA-Fadens. Cytosin kann mit einer Methylgruppe versehen werden. Methylierte Gene können (in der Regel) nicht mehr eingeschaltet werden, denn die Methylgruppen wirken für die Genaktivierungsmaschinerie der Zelle wie unüberwindliche Hindernisse. Während der Entwicklung der Zellen sind die Methylierungen wie Pistenbegrenzungen für Skifahrer: Sie weisen den Zellen den Weg. Die Methylmarkierungen sind wichtig dafür, welche Gene aktiv und welche inaktiv sind. So ist jeder Zelltyp und jedes Entwicklungsstadium der Zellen an seinem unverwechselbaren Methylierungsmuster zu erkennen. Dennoch gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, den Weg der Zellen durch Waddingtons epigenetische Landschaft gezielt zu verändern. Die Stammzellforscher versuchen es zum Beispiel mit folgender Strategie: Sie versuchen die Zellen noch während der Fahrt abzufangen - dann also, wenn sich die Zellen noch für mehrere Pisten entscheiden können. Zellen in dieser Phase heißen adulte Stammzellen. Sie kommen selten im menschlichen Körper vor. Am häufigsten finden sie sich im Knochenmark, wo sie für die Regeneration der Blutzellen sorgen, und in der Haut. Um an mehr Zellen vom gewünschten Typ zu kommen, versuchen Forscher deshalb, die Zellen aus den Tälern den Hang hinaufzutreiben. Der Fachbegriff dafür ist "Reprogrammierung". Bei adulten Stammzellen kann man das epigenetische Programm inzwischen verändern, indem man die Zellen in einem Cocktail aus Wachstumsfaktoren badet. Aber das funktioniert eher nach dem Prinzip Versuch und Irrtum: Man weiß vorher nicht genau, welcher Zelltyp am Ende herauskommt. "Um mehr Klarheit zu gewinnen, haben wir Stammzellforscher und Epigenetiker auf dieser Tagung zusammengebracht", sagte Jörn Walter von der Universität des Saarlandes. Er leitet mit Bernhard Horsthemke, Humangenetiker an der Universität Essen, das erste Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema Epigenetik. Ein Ziel dabei ist, dass epigenetische Muster bald gezielter verändert werden können. Um im Skisport-Bild zu bleiben: Damit die Forscher ihr Ziel erreichen, sollen nun Tunnel durch die Berge gebohrt werden. Sie sollen die Umwandlung eines Zelltyps in einen anderen ermöglichen. Fachleute sprechen dabei von "Transdifferenzierung". Aber auch Klonforscher interessieren sich für Epigenetik, denn in ihr könnte der Schlüssel zum Verständnis liegen, warum so viele Klonexperimente misslingen. Beim Klonen wird der Zellkern einer Körperzelle, die längst im Tal angekommen ist, in eine zellkernfreie Eizelle eingesetzt. Bildlich gesprochen, setzt man den erschöpften Skifahrer, der schon eine lange Abfahrt hinter sich hat, trotzdem wieder mit dem Hubschrauber auf dem Gipfel ab. Alle notwendigen Gene für eine normale Entwicklung sind in der "abgesetzten" Zelle vorhanden, aber dennoch enden viele der Klonembryonen in den Gletscherspalten der Waddingtonschen Berglandschaft. "Die überwiegende Mehrheit geklonter Mausembryonen hat schwerwiegende Defekte im epigenetischen Muster, nur bei etwa fünf Prozent ähneln die Methylierungsmuster denen von normalen Embryonen", sagte Reik, der in Cambridge selbst geklonte Mausembryonen untersucht. Der Klonforscher Eckhard Wolf, der das erste deutsche Klonkalb "Uschi" schuf, machte diese Beobachtung auch bei seinen Klonversuchen an Kühen. "Alle Klontiere sind gleich, aber einige sind gleicher als andere", fasste er seine Ergebnisse zusammen. "Ein großer Fortschritt für die Klontechnik wäre es, wenn es gelänge, anhand der epigenetischen Muster die entwicklungsfähigen Klone von denen zu trennen, bei denen eine Implantation in die Gebärmutter sich gar nicht lohnen würde", sagte Reik. Normalerweise findet kurz nach der Befruchtung der Eizelle eine Neuprogrammierung der Methylierungsmuster der mütterlichen und väterlichen DNA statt. Die genaue Untersuchung dieses Vorgangs, "sollte Eingriffsmöglichkeiten eröffnen, entweder in die Zellen, die für das Klonen verwendet werden, oder in die frühe Embryonalentwicklung der Klone", sagte Reik. Auch Krankheiten spiegeln sich in einem veränderten Methylierungsmuster wider. Inzwischen wissen Epigenetiker zum Beispiel, dass fehlende oder falsch gesetzte Methylgruppen die Aktivierung von Krebsgenen verursachen können. Die Berliner Biotech-Firma Epigenomics will das nutzen, um bessere Früherkennungstests für Krebs zu entwickeln. Diese sollen die Methylierungsmuster auf der DNA von Gesunden und Kranken unterscheiden können. Erste Erfolge gibt es bei der Früherkennung von Prostata-, Nieren- und Blutkrebs. "In sechs Jahren wollen wir einen epigenetischen Nachweis für Prostatakrebs auf den Markt bringen", sagte Alexander Olek, Geschäftsführer der Firma. Die Epigenetik wird künftig womöglich auch die Diagnose von umwelt- oder ernährungsbedingten Erkrankungen wie Diabetes erleichtern. Und auch bei der Behandlung von Krankheiten dürfte die Epigenetik demnächst von Nutzen sein: "In vielen Labors versuchen Forscher, epigenetische Informationen in Therapien umzusetzen", berichtete Jörn Walter. Die kanadische Firma Methylgene beispielsweise hemmt die Methylierung, um Einfluss auf das Wachstum von Krebszellen zu nehmen. Auf ein beunruhigendes Phänomen ist Bernhard Horsthemke bei der Untersuchung von Kindern mit dem so genannten Angelman-Syndrom gestoßen. Diese geistig und körperlich schwer behinderten Mädchen und Jungen weisen von Geburt an schwere epigenetische Störungen bestimmter Gene auf. Dies trifft auch auf Kinder zu, die am Beckwith-Wiedemann-Syndrom leiden, einer Störung, die unter anderem zu Organmissbildungen führt. Horsthemke und Kollegen aus den USA entdeckten jetzt, dass auffällig viele Kinder mit diesen Syndromen im Reagenzglas gezeugt wurden und zwar mit einer speziellen Technik, bei der das Spermium direkt in die Eizelle gespritzt wird: die intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz ICSI. "Wir können noch nicht
sagen, ob ICSI tatsächlich diese epigenetischen Fehler auslöst",
sagte Horsthemke, der drei Angelman-Kinder betreut, die per ICSI
gezeugt wurden. "Unsere Statistik ist zugegebenermaßen noch
nicht sehr gut", gestand der Essener Forscher ein. Aber die Datengrundlage
der amerikanischen Untersuchungen zum Beckwith-Wiedemann-Syndrom sei sehr
viel besser und werde durch neue Ergebnisse einer kanadischen und
einer britischen Gruppe bestätigt. Nach Ansicht von Horsthemke
gibt es "etliche Hinweise, dass das Risiko für epigenetische Fehler
durch ICSI erhöht wird". Seit einer Weile müssen die Krankenkassen
die Kosten für ICSI übernehmen. Sie hatten einen Prozess verloren,
bei dem sie wissenschaftliche Bedenken äußerten. Horsthemke
fordert nun längerfristige Nachuntersuchungen von ICSI-gezeugten
Kindern.
|